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Demokratie und Macht in Tauschringen

Aus verschiedenen Beiträgen in den Tausch-System-Nachrichten, insbesondere Nr. 14, sprangen mir solche Reizworte entgegen wie Machtansprüche, Machtspiele, Rivalitäten und Kleinkriege - und das in Tauschringen. Das hat mich doch gereizt, meine Sicht auf Demokratie und Macht und meine Erfahrungen dazu niederzuschreiben.

Überall im täglichen Leben sind wir umzingelt von solchen Verhaltensweisen, die uns klein machen, unsere Rechte beschneiden, uns kontrollieren, entmündigen und sanktionieren. Das dient dem Machterhalt des Staates, der im Zuge der europäischen Integration seine Zuständigkeiten Schritt für Schritt freiwillig abtritt und nun den Ausgleich nach innen sucht. Unter dem Schlagwort "aktivierender Sozialstaat" ist dafür gerade eine weitere Etappe eingeläutet worden.

Wir Tauschringe sind doch aber als Alternative angetreten, nicht nur eine Alternative zur Ausgrenzung, zur üblichen Geldwirtschaft, zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft, sondern auch zum herrschenden Demokratieverständnis.

Unsere Alternative nennen wir Basisdemokratie. Das heißt für mich Demokratie von unten: alle Teilnehmenden entscheiden und bestimmen - möglichst im Konsens - über alle Belange und übernehmen nach ihren Kräften Verantwortung in der Gemeinschaft. Das ist sicher ein hoher Anspruch, er soll aber mit Menschen erfüllt werden, die bislang nur Demokratie von oben erlebt haben. Das ist ein Lernprozess, der langen Atem braucht.

Die ersten Erlebnisse haben die Teilnehmenden mit ihren Tauschhandlungen: Gleiche Bewertung der Leistung nach Stunden - sie beginnen, sich gleichwertig und gleichberechtigt zu fühlen; Transparenz - sie wissen, was läuft und interessieren sich; Freiwilligkeit - sie bestimmen selbst, zunächst über ihr eigenes Tun, später auch über Belange des Tauschrings. All das zusammen führt zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Das ist schon ein langwieriger Prozess, der nur allmählich vorankommt.

Um zur echten Demokratie von unten zu gelangen, kann vielleicht zunächst bei bekannten Formen der Demokratie von oben angesetzt werden: Beteiligung und Mitbestimmung. Doch für mich erhebt sich schon die Frage, wer ist es, der andere beteiligt und wobei bestimmen welche mit? Dahinter sehe ich die von oben, die etwas vorauswählen, vordenken, gewissermaßen vorentscheiden. Wenn diese dann noch gewählt werden sollten, werden die Teilnehmenden mit der Stimmabgabe auch ein Stück ihrer Selbstbestimmung und Verantwortung abgeben (genauso machen wir es alle 4 Jahre mit unseren Politikern und ... sind unzufrieden).

Wie aber kommen wir zur Demokratie von unten? Das ist ein Experimentierfeld, niemand weiß, wie´s funktioniert. Wir versuchen es mit ständigen und zeitweiligen Arbeitsgruppen, die zu jeder Zeit offen für alle sind und die sich selbst organisieren. Das klappt nicht immer und ist oft langwierig, doch wenn der Leidensdruck zu einem Problem groß genug ist, finden sich auch Interessierte und Initiator/innen, die sich mit dem Problem in einer AG beschäftigen und Varianten für eine Entscheidung vorbereiten. Diese muß jedenfalls rechtzeitig in der Marktzeitung für alle transparent und verständlich gestanden haben, ehe darüber beschlossen wird. Übrigens erhalten alle TN die Marktzeitung durch unseren Kurierdienst und haben daher alle die Möglichkeit, sich an der Entscheidung zu beteiligen.

Die Möglichkeit ist aber nur die eine Seite. Wie viele nehmen sie auch wahr? Die noch "schweigende" Mehrheit ist, glaube ich, ganz froh, wenn sie "freiwillig" auf Mitentscheidung und damit Mitverantwortung verzichten darf. Anscheinend läßt sie sich gerne fremd bestimmen. Das ist es, was mich immer mehr beschäftigt und worüber ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit den Einzelnen spreche: Was willst du eigentlich? Wie soll es im Tauschring weiter gehen? Welches sind deine Gedanken und Ideen? (die meisten haben auch welche!) Warum äußerst du sie nicht? So verhallten bislang auch unsere ständigen Aufrufe nach Leser/innenbriefen für die Marktzeitung, die inzwischen schon von einigen erhört wurden. Meine Schlußfolgerung: weiter Geduld und Beharrlichkeit üben, nicht aufgeben.

Noch ein Wort zu den "machtbesessenen" Orga-Gruppen: was ist das eigentlich für eine Macht, die sich so festzuhalten lohnt? Ist es nicht genau das, was wir kritisieren: über andere zu bestimmen, andere zu kontrollieren? Warum fühlen sich Tauschring-Menschen dabei wohl? Welches genau sind ihre Ziele? - Diese Gedanken kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn ich so etwas höre oder lese.

Auch für solche Konflikte müssen wir in unserer "Demokratie von unten" neue Formen des Umgangs entwickeln. Mit einem Rückfall in altgewohnte Methoden von Wahl, Rechenschaft und Abwahl (s.o.) weichen wir meiner Meinung nach von unserer Zielrichtung ab. Da müssen wir uns wohl etwas einfallen lassen. Ich weiß keine Lösung, weil bei uns ein solches Problem bisher nicht auftrat. Es muß aber eine alternative Lösungsmöglichkeit geben - es gibt immer Alternativen.

Von: Regine Deschle



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